📅 Veröffentlicht am 25. Juni 2026 um 17:21 Uhr

Ein rund zweistündiger Ausfall des digitalen Funknetzes GSM-R hat am späten Dienstagabend den Zugverkehr in ganz Deutschland lahmgelegt. Während sich der Personenverkehr am Folgetag normalisierte, meldet der Güterverkehr anhaltende schwere Beeinträchtigungen. Aus der Politik und von Verbänden wird scharfe Kritik an der Resilienz und dem Alter der technischen Infrastruktur laut.

Ursache und technischer Hintergrund

Nach offiziellen Angaben der Deutschen Bahn (DB) ist die Störung auf ein technisches Problem zurückzuführen. Konkret führten planmäßige Arbeiten am digitalen Funksystem GSM-R (Global System for Mobile Communications for Railways) zu dem beispiellosen Systemausfall. Nach Berichten von Bahn-Mitarbeitenden lag die Ursache in einem Fehler bei einem Software-Update. Eine Cyber-Attacke bzw. einen IT-Angriff schließt die Bahn nach einer entsprechenden Überprüfung aus.

Das betroffene Funksystem dient der Kommunikation zwischen dem Lokpersonal, den Fahrdienstleitungen und den Betriebsstellen. Da das System mehr als 20 Jahre alt ist, basiert es auf dem älteren Mobilfunkstandard 2G. Es ist nicht mit öffentlichen Mobilfunknetzen gekoppelt, was es zwar weniger anfällig für Sabotage macht, jedoch auch die Ressourcen einschränkt. Da bei einem Ausfall dieses Systems keine sicherheitsrelevanten Notrufe oder Warnungen (z. B. bei Personen auf den Gleisen) mehr abgesetzt werden können, musste der gesamte Bahnbetrieb aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt werden.

Auswirkungen auf den Personen- und Güterverkehr

Der Ausfall führte am Dienstagabend zu einem vorübergehenden deutschlandweiten Stillstand, bei dem Personenzüge an Bahnhöfen geparkt wurden. Betroffen waren schätzungsweise Tausende Passagiere im Regional-, Fern- und S-Bahn-Verkehr, die teils erhebliche Verspätungen hinnehmen mussten oder nachts an Bahnhöfen strandeten. Am Mittwochmorgen lief der Personenverkehr laut Angaben der Bahn wieder weitgehend normal.

Deutlich angespannter stellt sich die Lage im Güterverkehr dar: Laut der Vorsitzenden des Verbands „Die Güterbahnen“, Neele Wesseln, stand am Mittwoch noch rund die Hälfte aller Güterzüge im Land und an den Grenzen still. Der Verband geht davon aus, dass die Logistikketten noch mehrere Tage beeinträchtigt sein werden. Demgegenüber stellte der Chef der Bahn-Infrastrukturtochter DB InfraGO, Philipp Nagl, eine Auflösung des Rückstaus bereits für den Mittwochnachmittag in Aussicht.

Reaktionen der Bahn und politische Forderungen

Die Bahn gab an, dass die Lage mithilfe eines Notfallsystems stabilisiert werden konnte. Vor dem Umschalten auf das redundante Funksystem musste jedoch zunächst die Ursache eingegrenzt und ein IT-Angriff ausgeschlossen werden. DB-InfraGO-Chef Nagl betonte, dass eine solche Störung durch die hohen Sicherheitsvorkehrungen bisher nie vorgekommen sei und die Hintergründe genau analysiert würden. Bahn-Chefin Evelyn Palla bestätigte die Existenz von Rückfallebenen.

Der komplette Schienenstillstand rief deutliche Kritik hervor:

  • Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte eine umfassende Aufklärung. Sollte es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder Server-Updates handeln, müsse die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich dies nicht wiederhole.
  • Tarek Al-Wazir (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag, sowie der Fahrgastverband Pro Bahn kritisierten die veralteten Systeme und forderten Modernisierungen sowie mehr Resilienz beim Zugfunk.
  • Armand Zorn (SPD-Wirtschaftspolitiker) bezeichnete den Vorfall als Beleg für die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur und betonte, der Bahnverkehr sei eine Frage der nationalen Sicherheit.
  • Werner Gatzer, Chefkontrolleur des Bahn-Aufsichtsrates, kündigte an, dass der Ausfall Thema in der anstehenden Strategiesitzung sein werde.

Zukunft und Modernisierung des Zugfunks

Eine Ablösung der veralteten Technik durch das moderne, auf 5G basierende System FRMCS („Future Railway Mobile Communication System“) ist von der Bahn zwar geplant, soll jedoch erst bis Mitte der 2030er-Jahre das GSM-R-System vollständig ersetzen. Der Roll-out soll in den kommenden Jahren erfolgen, allerdings steht die Zulassung durch die EU noch aus.

Für die Umstellung in Deutschland werden hohe Investitionen unter anderem für neue Mobilfunkmasten und die Umrüstung der Züge erwartet. Andere EU-Länder sind bereits weiter: Nach Angaben des Verbands Allianz pro Schiene hat Finnland das GSM-R-System im Bahnverkehr bereits abgeschaltet und bereitet die Einführung von FRMCS vor.

Quelle: Tagesschau

Bild: Symbolbild

Von Redaktion

Related Post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert