📅 Veröffentlicht am 23. August 2026 um 20:39 Uhr
OTTAWA/WASHINGTON – Der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada hat eine neue, schwere Eskalationsstufe erreicht. Nach dem abrupten Scheitern der bilateralen Verhandlungen über ein neues Handelsabkommen haben beide Länder Zölle in Milliardenhöhe in Kraft gesetzt. Kanadas Premierminister Mark Carney sprach angesichts der Situation offen von einem Handelskrieg.
Gescheiterte Gespräche und Vorwürfe
Vorausgegangen waren wochenlange Verhandlungen, nachdem die US-Regierung neue Zölle von bis zu 50 Prozent auf diverse kanadische Waren angedroht hatte. Mitte August schien ein Kompromiss noch in greifbarer Nähe, doch kurz vor Fristende brachen die Gespräche zusammen.
Beide Seiten schieben sich seither die Schuld zu:
- US-Seite: Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer kritisierte den Ausgang als „verpasste Gelegenheit für Kanada“, mit den USA zu kooperieren.
- Kanadische Seite: Premierminister Mark Carney erklärte auf einer Pressekonferenz, man sei „angegriffen worden“. Die USA hätten in letzter Minute inakzeptable Forderungen gestellt – unter anderem sollten Kanadas Möglichkeiten beschnitten werden, eigenständige Handelsverträge mit anderen Staaten zu schließen. Auch bei den Sonderregeln und Zollstrukturen für die heimische Automobil- und Lastwagenindustrie konnte keine Einigung erzielt werden.
Zölle treffen Wirtschaft hart
Die USA machten ihre Drohungen wahr und belegen kanadische Importprodukte im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar – darunter Möbel, Käse, Kleidung, Hockeyschläger, Angelruten und Zement – ab sofort mit Zöllen von 50 Prozent.
Kanada kündigte umgehend Gegenmaßnahmen an. Ab dem 8. September sollen gezielte Zölle auf US-Waren wie Stahl, Milchprodukte, landwirtschaftliche Ausrüstung und Elektrogeräte greifen, um die heimische Industrie zu schützen. Wirtschaftsexperten und Wirtschaftsverbände warnen eindringlich vor einer schädlichen Spirale aus Vergeltungsmaßnahmen, die Inflation anheizen und Arbeitsplätze gefährden könnte.
Kanada sucht neue Wege aus der Abhängigkeit
Angesichts der massiven wirtschaftlichen Verflechtung – Kanada exportiert rund 70 Prozent seiner Waren in die USA, während umgekehrt nur etwa 15 Prozent der US-Exporte nach Kanada fließen – ist das Land ungleich stärker von seinem Nachbarn abhängig.
Um diese Verwundbarkeit zu verringern, forciert Premierminister Carney seine Strategie der Handelsdiversifizierung. Neben Gesprächen mit Partnern wie der EU, Großbritannien, Indien, Japan, der Türkei und China setzt Ottawa verstärkt auf das Inland: Ein neu aufgelegter staatlicher Investitionsfonds (Canada Strong Fund) soll mit anfänglich 25 Milliarden kanadischen Dollar den Ausbau wichtiger Infrastruktur wie Häfen, Pipelines und Energieprojekte finanzieren, um die kanadische Wirtschaft unabhängiger zu machen.
Quelle: Zeit
